Samstag, 19. März 2016

Stefan Unterwurzacher im Gespräch

Laut Papst Franziskus sind alte Menschen ein Reichtum. Sie haben im Laufe der Jahre einen reichen Schatz an Weisheit angesammelt, wie in einem Lagerhaus. Ein solches Lagerhaus öffnet sich für uns heute einen Spalt weit.
Stefan Unterwurzacher im Gespräch mit Ruben Weyringer.

Du bist Jahrgang 1919, wie war deine Kindheit?




Ich bin ein waschechter Neukirchner, geboren in Neukirchen in Rosental. Mein Vater war ein Schustermeister, ein fleißiger Arbeiter. Ich bin hier in die Volksschule gegangen, und ich werde ein bisschen gescheiter gewesen sein als die anderen. Der Lehrer Zobel hat zu meinem Vater gesagt: "Du, nach der Volksschule musst du den Buben auf die Bürgerschule schicken". So hieß die Hauptschule damals. "Mein Gott" hat mein Vater gesagt, "das kostet einen Haufen Geld und wohin soll er denn gehen?". Aber er hat sich überzeugen lassen, und so haben wir in Zell am See und in Lend angefragt, die haben aber niemanden mehr genommen. So bin ich nach Salzburg gekommen in die Edmundsburg, eine Knabenerziehungsanstalt am Mönchsberg, die zu St. Peter gehörte. Wie die Leute Knabenerziehungsanstalt gehört haben, da haben sie gesagt: "Oh, der Bub ist in einer Erziehungsanstalt", das hat einen schlimmen Klang gehabt. Dabei war es ein gutes Institut.



Wie alt warst du da?

Mit 12 bin ich nach Salzburg gekommen. Dort waren Schwestern, die haben es mit uns Buben nicht leicht gehabt. Darum ist Pater Edmund, ein Pater mit langem Bart, jede Woche 2 Mal gekommen und hat sich darum gekümmert, dass wir anständig sind.
Die Schule haben wir in Salzburg in der Griesgasse besucht. Wir sind alle Tage durch den Grünmarkt zur Schule gegangen. Später haben wir dann rundherum gehen müssen, weil sie herausgefunden haben, dass wir immer Äpfel gestohlen haben.
Das war die schönste Zeit in Salzburg. Wir haben gut gegessen.
Ich bin auch Ministrant gewesen in Salzburg. Einige von uns haben immer nach St. Peter müssen oder zu den Ursulinen oder in den Dom. Wir sind da gerne gegangen, denn zum Beispiel bei den Ursulinen, da sind wir dann zwei Stunden zu spät zur Schule gekommen. Aber ein gutes Frühstück gab es, Milchbrot, Kakao. Das war uns wichtig!

Wann bist du wieder in den Pinzgau gekommen?

Wie die vierte Klasse um war hätte ich in die Lehrerbildungsanstalt sollen. Ich habe auch schon eine kleine Vorprüfung gemacht. Aber der Vater konnte es sich nicht mehr leisten. Die Schule hat damals viel Geld gekostet, 100 Schilling im Monat. Ich hatte einen Sponsor, den Pius Ennsmann. Bei dem bin ich eigentlich aufgewachsen, denn die Familie hat keine Kinder gehabt. 1935, wie ich mit der Schule fertig war, ist er bei der Kürsingerhütte in die Lawine gekommen.Und dann war es aus, da habe ich heim müssen. Ich ging dann auf die Kürsingerhütte.
Am 1. April 1939 war ich dann der erste in Neukirchen der zum Arbeitsdienst einrücken musste. Ich bin 6 Jahre im Krieg gewesen. Im Juli '45 bin ich heim gekommen.
Bald nach dem Krieg bin ich zur Wildbachverbauung gekommen. Da war ich 30 Jahre Lagerhalter, bis zur Pension. Das war das Lager vom ganzen Pinzgau, wir haben 200 Leute beschäftigt gehabt.
1979 bin ich in Pension gegangen.

Wie bist du dazu gekommen das Archiv aufzubauen?

Der Amtsleiter Stainer hat zu mir gesagt: "Stefan, mir müssen etwas tun", er ist viel in die Berge gekommen, "die Kapellen schauen fürchterlich aus, du musst einmal gehen, musst eine Bestandsaufnahme von den Kapellen machen". Da habe ich gesagt: "Wenn ich in Penison gehe, dann mach ich es, vorher nicht". Und so haben wir es gemacht.

So hat das angefangen?

Eigentlich hat mich die Lehrerin und Heimatforscherin Flora Steiner auf diesen Weg gebracht. Wie ich noch in die Schule gegangen bin hat sie mir gezeigt was sie hat und was sie tut. Sie hat auch ganze Bände Geschichten von den Geschichtenerzählern aufgeschrieben, und auch den Mundarttext für die Wildalmmesse hat sie geschrieben. Sie hat jedes Kapitel am Berg oben geschrieben und der Unterwurzacher Rudl hat es vertont. Von der Idee mit den Kapellen war sie begeistert.
Den Gedanken vom Archiv haben Flora und ich schon lange im Kopf gehabt, aber es ist am passenden Ort gescheitert. Dann sind das Altersheim und der Kindergarten gebaut worden und das Schloss wurde frei. Da habe ich gleich zugeschlagen. Ich bin zum Schorsch auf die Gemeinde gegangen, der war zugänglich und so haben wir angefangen.

Hast du auch mit der Pfarre was zu tun gehabt?


Ja. Eine Zeit lang wurden viele Figuren aus den Kirchen gestohlen. Da hat der Erzbischof geschrieben, dass die Pfarrer ein Inventar machen müssen. "Ja", hat der Pfarrer gesagt, "für das hab ich nicht Zeit". Da ist der Zauner zu mir gekommen. Er sagte: "Stefan, du könntest das machen", da sage ich "Da verstehe ich ja überhaupt nichts davon. Kunstinventar von der Kirche, alle Heiligen, alle Figuren, alle Bilder, alles was da ist, Kelche und Monstranzen". Da sagt er: "Du, in Eugendorf ist ein pensionierter Gendarm, der hat das für Eugendorf gemacht". So fuhren wir nach Eugendorf. Der hat ein Formular entworfen auf dem alles drauf war. So habe ich angefangen. Ich habe nach dem Formular aus Eugendorf alles fotographiert, und beschrieben .

Ich habe alles angeschaut, bin überall reingekrochen, habe überall Zugang gehabt. Da bin ich zu den Paramenten, den liturgischen Gewändern gekommen. 64 Paramente sind in Neukirchen. Alle Farben, Rauchmäntel usw. Ein Messkleid ist da, das Kuenburger, schwarzer geschorener Samt, das war einfach so reingewuzelt. Da habe ich zum Pfarrer Zauner gesagt: "Pfarrer, da stehe ich daneben".
Ich bin dann nach Salzburg rausgefahren zum Domherrn Neuhardt. Ich hab ihm alles erzählt. Er hat gesagt: "Glaubt ihr ich habe sonst nichts zu tun als die Dinge bei euch anzuschauen". Ich habe noch ein wenig gejammert. Er hat beim Fenster rausgeschaut, zum Dom raus, er hat eine Zeit lang gar nichts gesagt. Dann hat er gesagt: "Allerheiligen bin ich in Wald, um drei nachmittags komm ich raus, richtet alles her". Um 10 Uhr abends waren wir fertig. Er hat alles gekannt. Der Neuhardt hat gesagt, das kommt nach Salzburg und das auch und das Kuenburger sowieso. Nein habe ich gesagt, das kommt nicht raus. Und es ist auch nichts rausgekommen.

(aus: gemeinsamer Pfarrbrief 1/2016)

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